GIALLI
Aufgrund der hohen Zahl der Werke, die diesem Genre zuzurechnen sind, und der großer Unübersichtlichkeit der Sekundärliteratur möchte ich hier ganz unsystematisch einige ausgewählte Filme würdigen, die fast alle gemeinsam haben, daß Videofassungen, zumal ungekürzte, nur schwer zu finden sind.
Während die etablierte Filmkritik in der Regel von 'gewaltverherrlichendem, billigem Schrott' spricht, oder, nur wenig wohlwollender, von Plagiarismus, bewegen sich die Fanzines und Magazine zwischen kritiklosem Abfeiern und Lob als Kultfilm. In der Tradition einiger weniger sorgfältigen Besprechungen - besonders hervorzuheben ist Maitland McDonaghs Analyse des Oeuvres von Dario Argento - soll hier auf formale und inhaltliche Besonderheiten aufmerksam gemacht werden. Es soll geklärt werden, was ist spezifisch italienisch, und was macht diese Filme trotz mancher Defizite sehenswert?
Zu Beginn sollte klargestellt werden, ein gewisser Hang zu Effekthaschereien in Form von Gewalt- oder Nacktszenen ist dem italienischen B-Kino nicht abzusprechen. Wenn man keine Sichtweise einnimmt, die diese wertneutral als Genre-Bestansteile klassifiziert, wird man dem Giallo keine Freude abgewinnen können.
Beginnen wir mit einem Film von recht hohem Bekanntheitsgrad: Lucio Fulcis Quella Villa Accanto Al Cimitero. Die 'Besprechungen' von Hahn/Jansen auf der einen und Chas. Balun auf der anderen Seite kommen zwar zu völlig verschiedenen Ergebnissen, beiden zufolge jedoch scheint Quella Villa nur aus Blut und Eingeweiden zu bestehen. Wie u.a. Fulcis spätere Filme beweisen, sorgt sinnlose Brutalität für nichts als Langeweile, und dies läßt sich Quella Villa nun gerade nicht vorwerfen. Die Geschichte, Schriftsteller zieht mit seiner Familie in das unheimliche 'Haus beim Friedhof' ein, was auf Dauer ungesund für viele Beteiligte ist, ist vielleicht keine solche im klassischen Sinne, aber spätestens seit Virginia Woolf sollte bekannt sein, daß sich die Arten, wie sich eine Geschichte erzählen läßt, verfielfacht haben. McDonagh weist nach, daß der gegenüber Dario Argento geäußerte Vorwurf, er präsentiere 'keine Handlung', ins Leere zielt: Argento gebe seinen Filmen grundsätzlich die Struktur eines Alptraums, gerade um nicht den Zwängen von Logik und Plausibilität unterworfen zu sein. Im Falle Fulcis, eines Vieldrehers ('hack') in allen Genres, sollte man wohl nicht so weit gehen, ein immer wieder bewußt gewähltes narratives Konzept zu unterstellen. Für Quella Villa jedoch wurde zweifellos eine angemessene Umsetzung entwickelt. Das war in Fulcis Horrorfilmen nicht immer so. Seine Frühwerke, Sette Notte in Nero und No Sevizio Un Paperino (?), sind mit Desinteresse inszeniert. Zombi 2 (1979) hat handwerkliche Ungeschicklichkeiten, von denen am meisten stört, daß der Regisseur es nicht versteht, eine einzige vom Schauspielerischen her gute Szene zu gestalten.
In Quella Villa bedient sich Fulci eines alten Sujets von Grusel- und Horrorfilmen (s.o.) und bringt das auf die Leinwand, was in den Horror-Klassikern immer ausgespart wurde: extreme Gewalt. Scheinbar wird nichts der Fantasie des Zuschauers überlassen. Aber wieder greift dieser Vorwurf ins Leere. Die Fantasie des Zuschauers wird angesprochen, da die tödliche Bedrohung eigentlich nur in den Schlußszenen länger zu sehen ist und ansonsten sehr sparsam ins Bild gebracht wird. Da nur rudimentär erklärt wird und die Auflösung unbefriedigend wenn nicht gar zutiefst verstörend ausfällt, hat der Betrachter durchweg eine Menge zu knabbern. Im Gegensatz zu Zombi 2 sorgen vorzeigbare Darsteller (Catriona McColl, Paolo Malco, Dagmar Lassander) für Identifikationsmöglichkeiten. Die Kamera erzeugt ausschließlich düstere, bedrohliche Bilder, die von der ersten Einstellung an klarmachen: hier ist nichts Gutes zu erwarten. Über jeder Alltagshandlung liegt der Hauch des Grauens. In die gleiche Richtung zielt die eingängige Synthesizer-Musik von Walter Rizzati. Wahrhaft meisterlich ist auch die Arbeit des Designers, denn in Quella Villa gibt es eine der unheimlichsten Kulissen des Horrorfilms schlechthin zu sehen. Fulci konzentriert sich zu Recht auf die Äußerlichkeiten des Sujets, denn so gelingt ihm 'reiner' Horror, Erzeugung von Entsetzen in der Erwartung und im Angesicht des Unbekannten. Atmosphäre ist das Schlüsselwort: In diesem Bereich funktioniert der Film (wie viele seiner Artgenossen) hervorragend. Die Sorgfalt und Innovationsfreudigkeit, mit der hier zu Werke gegangen wird, lassen spätere Versuche (charakteristisch: Umberto Lenzis Ghosthouse) schmerzlich vermissen. Die 'Aufbruchstimmung' Ende der 70er und zu Anfang der 80er Jahre, die in günstigen Fällen zu Resultaten wie Quella Villa und L'Aldila führte, war nicht mehr vorhanden.
Wie bereits anklang, ist Quella Villa eher Fantasy-Horror als ein Giallo. Der Begriff verweist darauf, daß in Italien Kriminalgeschichten traditionell als gelbe Heftromane herauskamen. Ein Giallo im eigentlichen Sinn hat also oft den (sadistischen) Mörder zum Thema, der seinem (weiblichen) Opfer nachsteigt. Ansonsten sind viele Parameter offen: mal wird mehr vom Mörder, mal mehr vom Opfer, mal mehr von der Polizei gezeigt. Ein Giallo kann intelligent und anspuchsvoll, aber auch billig, voyeuristisch und brutal sein.
Demnächst:
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Corrado Farina: Hanno Cambiato Faccia
Roberto Montero: Rivelazione Di Un Maniaco Sessuale Al Capo Della Squadra Mobile
Literatur:
Chas. Balun (ed.): The Deep Red Horror Handbook
Ronald M. Hahn/Volker Jansen: Lexikon des Horrorfilms. Bergisch-Gladbach 1984
Christian Kessler: Das wilde Auge, Corian Verlag 199?
---. Diverse Beiträge in Splatting Image
Maitland McDonagh: The Films of Dario Argento, 1993